
Ein Beitrag von Christian Henner-Fehr
Yasmin Weiß spricht in ihrem Buch „Was bleibt vom Menschen, wenn die KI übernimmt?„ von einem Drehtür-Moment, in dem wir uns gerade befinden: „Wir haben die Welt, wie wir sie kannten, hinter uns gelassen, sind aber noch nicht real in der neuen Welt angekommen, in der wir die Potenziale von KI voll ausschöpfen und unsere Rolle als Menschen in Koexistenz mit smarten Maschinen neu definiert haben“, schreibt sie darin.
Aber was interessiert das jemanden aus dem Kunst- und Kulturbereich? Da geht es um Sichtbarkeit, Publikum und Geld. Meist haben wir von allem zu wenig Was machen wir? Wir lassen uns von der KI helfen: Sie strukturiert unsere Förderanträge, schreibt Newsletter und Social Media-Beiträge. Das sieht dann meist sehr gut aus und spart Zeit. Aber verändert es auch die Qualität unserer Arbeit?
Nehmen wir ein Ensemble, das zu wenig Publikum erreicht. Mit KI kann es zehn Konzertankündigungen in kurzer Zeit produzieren. Aber wenn bisher kaum jemand reagiert hat, warum sollte das mit zehn statt zwei Beiträgen anders sein?
Wenn fehlende Sichtbarkeit gar nicht das Problem ist
Vielleicht liegt das Problem gar nicht bei den Texten. Genau hier würde ich die KI anders einsetzen. Statt sie um weitere Konzertankündigungen zu bitten, könnte ich ihr folgenden Prompt geben:
„Wir organisieren einen experimentellen Kammermusikabend und erreichen bisher zu wenig Publikum. Hilf mir herauszufinden, ob wir das eigentliche Problem richtig verstanden haben. Hinterfrage meine Annahmen und stelle mir jeweils nur eine Frage. Schlage noch keine Lösungen vor.“
Die KI könnte beispielsweise fragen: „Woher wisst ihr eigentlich, dass zu wenige Menschen von euren Konzerten erfahren? Könnte es sein, dass sie davon wissen, aber keinen Grund sehen, hinzugehen?“
Plötzlich geht es gar nicht um mangelnde Sichtbarkeit, sondern um fehlende Relevanz. Oder um etwas völlig anderes. Natürlich weiß die KI nicht, warum die Menschen nicht kommen. Aber sie kann mich auf Gedanken bringen, die ich bisher nicht berücksichtigt habe. Anschließend müsste ich diese Vermutungen überprüfen, etwa in Gesprächen mit potenziellen Besucherinnen.
Die KI als Sparringspartner
An dieser Stelle wird KI für mich interessant. Nicht als Maschine, die möglichst schnell Antworten produziert, sondern als Sparringspartner, der meine Überlegungen hinterfragt. Der mir aber auch hilft, neue Ideen zu entwickeln und so auf ein Niveau zu kommen, auf das ich ohne Hilfe nicht so schnell kommen kann. Wie lässt sich Crowdfunding strategisch einsetzen, um nicht zur Betteltour zu verkommen? Wie kann ich ein Marketingsystem entwickeln, um nicht weiter Hoffnungsmarketing betreiben zu müssen? Wie funktioniert das mit der Sichtbarkeit in KI-Chats?
Ich denke, dass genau hier das eigentliche Potenzial der KI liegt. Sie kann uns helfen, Denkgewohnheiten zu überprüfen, Zusammenhänge zu erkennen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entdecken. Mit der KI zu arbeiten bedeutet nicht nur, effizienter zu werden, sondern auch effektiver. Dafür müssen wir aber bereit sein, unsere bisherigen Vorstellungen infrage zu stellen. Denn bessere Fragen können zu Antworten führen, die uns zunächst unter Umständen gar nicht gefallen.
Der entscheidende Unterschied ist dann: Wir nutzen KI, um herauszufinden, ob wir überhaupt an den richtigen Dingen arbeiten. Vielleicht beginnt ein anderer Umgang mit KI ja ganz einfach mit Neugier, aus der heraus wir uns fragen, welche Fragen wir uns bisher noch gar nicht gestellt haben?
Christian Henner-Fehr lebt und arbeitet als Kulturberater in Wien. Er betreibt das Kulturmanagement Blog und beschäftigt sich aktuell mit den Themen Content Marketing, Social Media und der digitalen Transformation von Organisationen in den Bereichen Kultur und Tourismus. Außerdem entwickelt er Digitalisierungskonzepte für Städte und Regionen.
Am Institut für Kulturkonzepte unterrichtet er das Seminar Kulturprojekte im KI-Zeitalter. Der nächste Termin dieses Seminars ist am 27.-28. November 2026. Hier können Sie sich dafür anmelden! Melden Sie sich an, es gibt nur mehr wenige freie Plätze!
Einen Kommentar hinterlassen